Pressemitteilung vom Freitag, 07.07.17
 
Erfolgreiches Engagement für Artenvielfalt und Naturtourismus
 
NABU feierte „30 Jahre Naturschutzzentrum Federsee“

Bad Buchau – In einer Feierstunde zum 30. Geburtstag des NABU-Naturschutzzentrums Federsee im goldenen Saal der Schlossklinik Bad Buchau würdigten der NABU-Landesverband sowie Förderer und Freunde das langjährige Engagement von Zentrumsleiter Jost Einstein und seinem Team. Viel Lob und Anerkennung für die erfolgreiche Naturschutzarbeit gab es von Dr. Andre Baumann (Staatssekretär im Umweltministerium), Johannes Enssle (NABU-Landesvorsitzender), Dr. Heiko Schmid (Landrat Kreis Biberach) und Bürgermeister Peter Diesch.
„Der Federsee ist ein Leuchtturm des Naturschutzes in Deutschland. Ohne das langjährige Engagement des NABU und ohne die kraftvolle Arbeit aller Beteiligten könnten wir nicht auf diesen großen Erfolg blicken“, lobte Staatsekretär Dr. Andre Baumann und bedankte sich für das 30-jährige Engagement des NABU am Federsee. „Das ist großflächiger Naturschutz – wunderschön, einzigartig und effizient.“ Die heute sichtbaren Erfolge seien nur durch die enge Zusammenarbeit mit dem Regierungspräsidium Tübingen und der Federseegemeinden möglich gewesen: „Im Namen von Braunkehlchen und Rohrweihe, im Namen vieler tausend Besucher, die dieses einzigartige Naturparadies jährlich durchwandern, und im Name der Landesregierung danke ich allen Beteiligten für ihr großes Engagement.“

Bereits 1911 hatte Lina Hähnle, die Gründerin des heutigen NABU, erste Riedflächen im größten Moor Südwestdeutschlands gekauft: Eines der ersten Schutzgebiete Deutschlands entstand. „Heute gehört das Federseemoor zu den bedeutendsten Naturreservaten in Baden-Württemberg“, sagte NABU-Landesvorsitzender Johannes Enssle. „Im Jahr 1987 haben wir in Bad Buchau mit dem NABU-Naturschutzzentrum Federsee ein nach außen sichtbares Zeichen für das jahrzehntelange Engagement des NABU am Federsee gesetzt. Es ist auch die Basis für die Landschaftspflege, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Naturschutzzentrums im Auftrag des Landes für das gesamte Federseemoor übernehmen“, führte Enssle aus.

Renaturierungen für Vögel, Orchideen und Schmetterlinge

Als Meilenstein bei der Verbesserung der Habitate am Federsee erwiesen sich die beiden aus dem „LIFE Natur“-Programm der Europäischen Union geförderten Renaturierungsprojekte. Sie ermöglichten von 1997 bis 2014 auf rund 580 Hektar umfangreiche Wiedervernässungen und verbesserten maßgeblich die Lebensräume der stark spezialisierten Tier- und Pflanzenarten des Moores. Da Torf ein wichtiger Kohlendioxidspeicher ist, trägt der Stopp der austrocknungsbedingten Torfzersetzung auch zum Klimaschutz bei. Darüber hinaus schuf das Projekt die Voraussetzung für den Erhalt der jahrtausendealten archäologischen Bodendenkmäler, die nur im wassergesättigten Torf konserviert werden können. Drei Fundstellen aus dem Federseeried sind Teil des UNESCO-Welterbes „Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen“. Träger der LIFE-Projekte war das Regierungspräsidium Tübingen, das die Projektleitung gemeinsam mit dem NABU-Zentrum ausübte.

Größter Bestand an Braunkehlchen im Land

Durch die Restaurierungen gelang die Stabilisierung und Vergrößerung der Populationen wichtiger Zielarten wie des Braunkehlchens: „Sein Bestand stieg von 60 auf bis zu 230 Paare. Damit stellt der Federsee rund die Hälfte des Vorkommens im Land“, sagte Jost Einstein. Auch Pflanzenarten wie das Sumpfglanzkraut, das Karlszepter oder die Schmetterlingsart Waldwiesenvögelchen wurden durch die Maßnahmen gefördert. Ein weiterer wichtiger Hebel war kontinuierliche Pflege der Biotope, gestützt durch ein wissenschaftliches Monitoring.

Geglückte Rettung des Federsees

Als einen der größten Erfolge des Naturschutzes wertete Zentrumsgründer Jost Einstein die Sanierung des einstmals stark mit Abwässern belasteten Federsees. Im Jahr 2008 verschwanden die bis dahin dominanten Blaualgen und die Wiederbesiedlung des Sees durch jahrzehntelang verschwundene Arten begann. „Seither beobachten wir eine außerordentliche Zunahme der Biodiversität“, so der Naturschützer. Sogar Muscheln, empfindliche Indikatoren für gute Wasserqualität, schimmerten wieder am Seegrund. „Das Naturschutzzentrum ist die Keimzelle für die Entwicklung eines naturnahen und ökologischen Federsees“ bestätigte Landrat Dr. Heiko Schmid. „Neben der ökonomischen muss auch in Zukunft eine ökologische Entwicklung möglich sein. Ich bin der tiefen Überzeugung, dass das eine das andere bedingt“ hob Schmid hervor.

Intakte Natur als Basis für den Tourismus

Am Federsee gehen Naturschutz und Naturerlebnis Hand in Hand, was auch für die Stadt Bad Buchau ein enormer Gewinn ist: „Der touristische Auftritt Bad Buchaus wird durch die Säulen ‚Natur – Kultur – Gesundheit‘ getragen. Das NABU-Naturschutzzentrum ist dabei unser wichtigster Leistungsträger der Säule Natur“, sagte Bürgermeister Peter Diesch. Wahrzeichen der Stadt Bad Buchau ist der 1,5 Kilometer lange Federseesteg, der zu einer Besucherplattform im Wasser führt. So können Naturfreundinnen und -freunde die Natur schonend hautnah erleben und etwa die akrobatische Flugbalz der bedrohten Rohrweihe verfolgen. „Der NABU ist aus der vielfältigen touristischen Angebotspalette unserer Stadt nicht mehr wegzudenken. Jost Einstein und Kerstin Wernicke und ihr Team machen einen herausragenden Job“, lobte Diesch.

Überraschungen birgt der nahe gelegene „Wackelwald“: Dort können Neugierige selbst federnden Schrittes die Bäume zum Wackeln bringen. „Das NABU-Zentrum bietet jährlich rund 400 Führungen an, um den Menschen die einzigartige Moorlandschaft näherzubringen“, erklärte Jost Einstein. Damit steht das Zentrum ganz in der Tradition von NABU-Gründerin Lina Hähnle, die bereits ab 1911 Gäste über den damals neu erbauten Federseesteg führte.

Informationen zum Hintergrund
Pressebilder: Eine Auswahl von Pressefotos zum Download finden Sie unter www.NABU-BW.de/pressebilder

Lebensraum für Raritäten
Auf fast 3.000 Hektar finden sich rund um den Federsee große, unzerschnittene Schilfröhrichtflächen, weite Seggenriede, kalkreiche Sümpfe, Hochmoorreste, Übergangsmoore und Moorwälder – daher ist das Federseemoor Teil des europäischen Schutzgebietsnetzes NATURA 2000. Es beherbergt bedeutsame Populationen europaweit geschützter FFH-Arten. Vom Aussterben bedrohte Tier- und Pflanzenarten wie Braunkehlchen, Goldener Scheckenfalter, die Fischart Schlammpeitzger und die Orchidee Sumpf-Glanzkraut gehören dazu. Die Käferart Thiasophila bercionis ist so selten, dass sie nicht einmal einen deutschen Namen besitzt. Am Federsee hat sie ihr einziges deutsches Vorkommen. Botanische Besonderheiten sind Eiszeitrelikte, das sind Pflanzen, deren heutige Hauptverbreitungsgebiete in der nordeuropäischen Tundra liegen und die am Federsee seit der letzten Eiszeit überdauert haben. Zu ihnen gehören das gelb blühende Karlszepter, die Kriechweide und die Strauchbirke.

Das Moor – ein letzter Gruß der Eiszeit
Die Geschichte des Federseemoores begann nach der letzten Eiszeit, als eine Gletscherzunge eine abflusslose Senke hinterließ, die sich mit Schmelzwasser füllte. Es entstand ein 30 km² großer See: der Federsee. Durch Verlandung bildeten sich ausgedehnte Moorflächen. Im 18. Jahrhundert umfasste der See noch etwa 10 km². Dann wurden, mit großen Erwartungen, zwei Seespiegel-Senkungen vorgenommen – doch die dem See abgerungenen Flächen waren feucht und konnten nur zur Gewinnung von Einstreu genutzt werden. Es entstanden großflächige Streuwiesen. Sie gehören heute zu den artenreichsten Lebensräumen in Mitteleuropa.

Meilensteine des Naturschutzes am Federsee
1911 NABU-Gründerin Lina Hähnle kauft 16 ha Riedflächen im heutigen
Banngebiet Staudacher nördlich von Bad Buchau
1911 Bau des Federseestegs
1939 Ausweisung von 1410 ha als „Naturschutzgebiet Federsee“
1950 Erste Versuche zur Offenhaltung der Landschaft
1954 Das NSG Federsee wird Jagdbanngebiet
1958 Der deutschlandweit erste Naturschutzwart (Rolf Mahr) wird am Federsee eingestellt
1968 Prädikat „Europareservat“ durch Birdlife International
1972 Bau des Wehres im Abfluss des Sees zur Wasserstandsregulierung
1975 Beginn der Landschaftspflege durch Landwirte
1981 Bau von Ringleitung und Kläranlage, Beginn der Sanierung des Sees
1987 Gründung des NABU-Naturschutzzentrums Federsee
ab 1987 Erarbeitung modellhafter Artenschutzkonzepte
1997 EU-LIFE-Projekt „Sicherung und Entwicklung der Natur in der
Federseelandschaft“
2008 Rückkippen des Sees vom Blaualgen- zum Wasserpflanzensee,
erfolgreiche Sanierung und Zunahme der Artenvielfalt
2009 EU-LIFE+-Projekt „Restauration von Habitaten im Federseemoor“


NABU Naturschutzzentrum Federsee, Pressereferentin: Kerstin Wernicke
Federseeweg 6, 88422 Bad Buchau, Tel: 0 78 52/15 66, Fax: 0 75 82/17 78, eMail:
 
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